Selbst wenn ich nicht dort bin

Eine heilige Ruhe
lässt sich entdecken,
beim Lesen unter freiem Himmel.
Die Welt wird leiser hinter dem Haus
und die Hektik
löst sich auf im Schatten
des Waldes.
Allein sein und Einsamkeit
ist nicht das gleiche, lernte
ich einmal an einem Ort
wie diesem:
Eine ruhige Lichtung,
mit einer Bank aus dunkel lackiertem
Holz, dem Wind und Wetter
nichts anhaben können, außer es altern
zu lassen.
Wenn man die sterile Gleichwettrigkeit
der Wohnung verlässt, ist die lebendige
Welt eine ganze Zeit lang befremdlich:
Käfer, Ameisen, knirschendes Holz,
raschelndes Laub und das Sonnenlicht,
das durch den Fächer
aus Bäumen, im toten Winkel
des Blicks flackert.
Doch nach einer Weile werden die Muskeln
des angespannten Körpers
auf dem Holz der Bank locker,
wie sie es auf einem Polster
nie gekonnt hätten.
Durch den Schirm aus Bäumen,
dringt nur das zärtlichste Flüstern
der Welt,
das beim Lesen nicht stört,
sondern sich mit den Worten
vermischt, wie eine leise Melodie
mit dem Text eines Liedes.
Die Luft riecht nach moosbewachsener
Rinde, schmutzigem Laub
und dem Dialog des unbebauten Bodens
mit den Wetterwechseln.
Ein Refugium, das Ruhe und Trost
spendet,
weil es wartet,
auch, wenn man selbst woanders ist.

Kerim Mallée

Schreibe einen Kommentar