Piercing, 2018 – ★★★½

Regie: Nicolas Pesce

Piercing ist ein spannendes Kammerstück, das in seiner Optik vom späteren Giallo aus den 80ern inspiriert ist. Außerdem ist es eine Verfilmung eines Romans von Murakami Ryu, der im deutschsprachigen Raum leider kaum Beachtung findet, was ich nicht ganz verstehe. In der japanisch-sprachigen Literaturwissenschaft, wird dieser Murakami oft mit seinem Namens-Vetter verglichen. Immer wieder ist von “den zwei Murakamis” die Rede, wenn man von Murakami Ryu und Murakami Haruki spricht. Doch außer ihrem ungefähren Alter, der gesellschaftlichen Schicht, der die beiden entstammen und den Familiennamen, haben sie nicht viel gemeinsam. Wie unpassend diese Schublade ist, wird nochmal deutlicher, wenn man sich ein paar ihrer Verfilmungen anschaut. Auf der Haruki-Seite hätten wir da zunächst Tran Anh Hungs “Noruwei no mori” (Naokos Lächeln ) und Lee Chang-Dongs “Burning”. Beides großartige Filme. “Burning” war auch einer der besten Filme, die letztes Jahr im Kino zu sehen waren und der zweitbeste koreanische Film (neben Parasite), den ich letztes Jahr sehen durfte. Auf der Ryu-Seite hätten wir da Miike Takashis “Audition” und eben “Piercing” von Nicolas Pesce. Beide in ihrem Grundkonzept sehr ähnlich: Es geht um Männer die sich in schlechter Absicht einer scheinbar wehrlosen Frau nähern und eine böse Überraschung erleben. Dass beide Filme eine 18er-Freigabe haben, während die Murakami-Haruki-Verfilmungen auch von 12-Jährigen im Kino gesehen werden konnten, zeigt, in welche komplett unterschiedlichen Richtungen man hier geht. Murakami Harukis Werke sind dem magischen Realismus zuzuordnen, blumig in ihrer Sprache und vage im Plot. Murakami Ryu schreibt transgressive fiction und kommt Bret Easton Ellis unter den westlichen Autoren noch am nächsten. Seine Sprache ist rau, doch durchaus poetisch und er legt deutlich mehr Wert auf einen konsistenten Plot, als sein Namens-Vetter, auch wenn dieser Plot meist auf eine haarsträubende Art kreativ ist.
Nun, um was geht es in Piercing? Ein frisch gebackener Familienvater, entdeckt nach der Geburt seiner Tochter, dass er eine starke Mordlust verspürt. Um diese nicht an seiner Familie auszulassen, mietet er sich ein Hotelzimmer, in das er eine Prostituierte bestellt, um mit ihr als Opfer dort seinen ersten Mord zu begehen. Natürlich liegen zwischen dem so sauber ausgeklügelten Plan und der Realität Welten und letztlich ist nicht ein Irrer im Raum, sondern zwei.

Ich glaube nicht, dass "Piercing" jeden überzeugt und wer zum Beispiel mit "American Psycho" nichts anfangen konnte, wird auch hier nicht zum Horror-Liebhaber bekehrt. Des Weiteren ist es mit diesen Kammerspiel-Filmen, wie mit den Found-Footage-Werken: Sie sind nicht jedermanns Sache und wer sich bei “Der Gott des Gemetzels” oder “Ein Mord für 2” gedacht hat: “Was soll das?”, wird auch hier eher gelangweilt vorm Bildschirm sitzen.
Aber ansonsten kann ich den Film bedingungslos empfehlen. Der visuelle Stil ist simpel und es kommt sehr viel Gelb vor, wie man am Filmplakat unschwer erkennen kann. Der Soundtrack ist auch bescheiden (in einem guten Sinne), er unterstreicht das Geschehen immer ideal und man leiht sich die Titel-Melodie von Argentos “Profondo Rosso” aus, setzt sie aber ganz anders ein. Kognitiv irritierend sind die Kamera-Fahrten über die Stadt, diese ist in Piercing keine wirkliche Stadt, sondern eine Sammlung von Miniaturen die wirken als hätte man sie aus Alltagsgegenständen und Sprühfarbe gebastelt. Wenn die Kamera ganz nahe und langsam an diesen Modellen hochfährt und dann zum nächsten Gebäude wechselt, ehe man das Dach erreicht, dann ist diese endlose und befremdliche Gebäude-Anakonda auf eine geniale Art unangenehm. Die Besetzung ist auch sehr gut, wobei das Lob hier vor allem an Mia Wasikowska (Alice im Wunderland, Crimson Peak, Stoker) geht.
Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, soll sich den Film bitte im Original ansehen. Denn wie so üblich abseits des Mainstream-Kinos wurde an der Synchronisation gespart, wo es nur geht.

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