Knives Out, 2019 – ★★★★★

Lange Zeit dachte ich, das *who dunnit*-Genre sei, zumindest im Kino, verendet und führe lediglich auf dem Fernsehbildschirm ein stabiles, aber unspektakuläres Leben. Zwar gab es in den letzten Jahren einige Verfilmungen klassischer Krimi-Stoffe, wie zum Beispiel die Sherlock Holmes-Filme von Guy Ritchie oder "Mord im Orientexpress" von Kenneth Brannagh. Aber die Sherlock Holme-Filmreihe ist tot und "Mord im Orientexpress" hatte einen guten Soundtrack, sehr schöne Bilder und das war's auch schon. Deswegen war ich auch zunächst skeptisch, als der erste Trailer zu Rian Johnsons "Knives Out" veröffentlicht wurde. Meine Neugier wurde aber zunächst durch den Cast und dann später, durch eine Welle durchwegs positiver Bewertungen (denen ich mich jetzt anschließe) geweckt.

Zur Handlung will ich nicht verraten, es gibt einen toten Millionär und viele Erben mit einem Mordmotiv. Bis jetzt nichts Neues und wer eine komplette Neugestaltung des Genres erwartet oder erhofft hat, den muss ich enttäuschen. Die Stärken von "Knives Out" liegen darin, dass Johnson sehr gut verstanden hat, was diese Amateurdetektiv-Mordgeschichten ausmacht. Viele moderne Kriminalfilme und Serien kranken daran, dass sie den völlig falschen Fokus auf die Haupt- und Nebenrollen-Verteilung legen. Die Betroffenen des jeweiligen Falls sind immer nur Nebenfiguren, während der Serienheld/Ermittler Hauptfigur bleibt. Wer sich mit den Werken von Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und anderen Krimi-Autoren, dessen geistiges Kind dieser Film ist, auskennt, weiß dass diese unter anderem so unterhaltsam sind, weil man zwar immer von "Miss Marple-Krimis", "Poirot-Geschichten" und "Lord Peter-Stories" spricht, die titelgebende, aber immer nur Nebenfigur ist.
Jeder Fall hat seine eigenen Hauptfiguren, die glaubhaft skizziert werden, mit ihren eigenen Interessen, Zielen und Macken. Und diese Figuren sind es auch, mit denen man die meiste Zeit verbringt, denn sie sind dafür verantwortlich, dass neben dem "Was ist passiert", was am Ende immer von der gleichen Figur, so sicher wie das Amen in der Kirche aufgeklärt wird, das "Wieso ist es passiert", auch glaubhaft rüberkommt.
Genau das macht "Knives Out" mit Perfektion. Der von Daniel Craig großartig verkörperte Benoit Blanc hat genau die richtige Menge an Screentime. Die eigentliche Hauptfigur der Handlung ist Marta (Ana de Armas), die Krankenpflegerin des Ermordeten, sie ist sympathisch und der Zuschauer fühlt mit ihren Sorgen mit. Dass eine gewisse körperliche Kondition, dazu führt, dass Marta nicht lügen kann, aber es trotzdem irgendwie schaffen muss, das ein oder andere Geheimnis zumindest zeitweise für sich zu behalten, war ein genialer Einfall, der für viel witzigen Konflikt sorgt. Generell ist diese Krimikomödie stellenweise zum Brüllen, aber schafft es trotzdem immer dann todernst zu sein, wenn es darauf ankommt.
Die Figurenanzahl des Films ist überschaubar, umso stärker sind die einzelnen Figuren. Im ganzen Film gibt es keine schauspielerische Leistung, die nicht durch die Bank gut ist. Was sicher auch Johnsons Drehbuch zu verdanken ist, wo andere Filme mit ihren Figuren zugunsten des Plots brechen, nimmt man diese in "Knives Out" sehr ernst. Ihr Verhalten ist nur dann unerwartet, wenn es das mit voller Absicht zu diesem Zeitpunkt für die Zuschauer sein soll. Aber am Ende bleiben keine losen Fäden übrig. Besonders stark waren Toni Colette und Jamie Lee Curtis. Dass letztere nach wie vor nicht zum alten Eisen gehört, hat sie zuletzt in David Gordon Greens "Halloween" (2018) bewiesen und ich hoffe sehr, dass Curtis' Rückkehr auf die Kinoleinwand keine Ausnahmen waren und dass noch viele starke Rollen folgen.
Nun aber doch noch einmal etwas zu Benoit Blanc:
Johnson hat eine ausgezeichnete Figur geschaffen, einen empathischen Ermittler, der seine Verdächtigen subtil dazu bewegt, die Informationen preiszugeben, die sie eigentlich nicht enthüllen wollen. Zwar ist Dietmar Wunder ein ausgezeichneter Synchronsprecher, aber der Akzent, den sich Daniel Craig für diese Rolle angeeignet hat, trägt sehr viel zum Wesen der Figur bei und allein deshalb und vielleicht um den schauspielerischen Aufwand dahinter zu würdigen, lohnt es sich den Film im Original anzusehen. Benoit Blanc könnte der nächste und vielleicht letzte große Serienermittler auf der Kinoleinwand werden und vielleicht genau das richtige für Craigs Post-Bond-Karriere.

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