Jojo Rabbit, 2019 – ★★★★½

Regie: Taika Waititi

Wenn man von Jojo Rabbit einen Film erwartet, der irgendeinen relevanten Kommentar zum dritten Reich abgibt, dann hat dieser Film hoffnungslos versagt. Nichts an dem Film ist authentisch, mal abgesehen von dem Aussehen der Uniformen. Und man sollte auch gar nicht versuchen, den Film in dieser Hinsicht zu verteidigen. Oder die mangelnde Recherche Taika Waititis (die er auch offen zugibt), zu versuchen als irgendetwas anderes darzustellen. Eins muss man sich klarmachen: Jojo Rabbit betreibt keine Ausarbeitung der Geschichte und ist auch kein filmisches Denkmal für die Schrecken des dritten Reichs. “Ja, aber das ist die Perspektive eines zehnjährigen.” Bitte, bitte nicht. Als wäre es der erste Film, der eine solche Perspektive wählt. Man kann ganz offen zugeben, dass der Film den harten Drill bei der Hitlerjugend, durch den auch immer wieder Kinder gestorben sind, verharmlost. Er zieht auch im Jahr 2020 die völlig falsche Grenze zwischen den Tätern und der Zivilbevölkerung. Man kann den Film als guten Film genießen und die kreative Leistung dahinter wertschätzen. Aber zu behaupten der Film wäre mehr als ein Film, oder gar ein pädagogisches Instrument, um irgendeine wichtige Information, über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu vermitteln, ist der Punkt, ab dem man anfängt, sich in den problematischen Bereich zu begeben. Wenn man einen kritischen Film erwartet, dann ist der beizeiten ernste Ton auch deplatziert, dadurch, dass der Film auch sehr traurig ist, könnte man, wenn man nicht entsprechendes Vorwissen hat, den Eindruck erwecken, dass er in diesen Szenen tatsächlich irgendetwas Realistisches widerspiegelt.

Wie sagt man so schön: das Gegenteil von gut, ist gut gemeint! Ein Problem, das ich ebenfalls habe, ist, dass die wirklichen Grausamkeiten im Off passieren. Auf dem Rathausplatz des Ortes steht ein Galgen, an dem zur Einschüchterung Personen aufgehängt wurden, die man als Verräter eingestuft hat. Aber wieso zur Hölle sieht man dann nicht, wie diese dort hinkommen? Stattdessen wird jede Figur die in der SS oder Gestapo ist, als lächerliche, fast schon sympathische Witzfigur dargestellt. Wenn man die Resultate von Hinrichtung und Folter sieht, dann ist der Film sehr ernst, sobald aber die Figuren zu sehen sind, die dafür zuständig sind, verkommt Hinrichtung und Folter zu einem Gag in den Dialogen. Man fragt sich immer wieder: Wo sind die ganzen bösen Nazis? Als wäre jeder von ihnen in Wirklichkeit so harmlos wie Jojos imaginärer Hitler und es wäre alles nur eine Sache geistigen Erwachsenwerdens. Das ist nicht nur inkorrekt, es verharmlost den Faschismus ungemein. Wieso vergebe ich trotzdem eine so hohe Wertung? Ich kann dennoch die Essenz von dem sehen, was Taika Waititi versucht dort zu machen: Eine Tragikomödie, die sich auf einen engen Kern extrem starker Figuren fokussiert, mit diesem engen Kern meine ich: Johannes aka Jojo Betzler, seine Mutter Rosie, Elsa und Yorki, Letzterer, das absolute Highlight dieses Films. Als gute Sidecharaktäre vielleicht noch Klenzendorf und Finkel und sogar den imaginären Hitler, weil bei diesem vielleicht tatsächlich die “aus der Perspektive eines Kindes”-Ausrede gilt und weil Taika Waititi gnadenlos komisch ist. Aber für diese Sichtweise ist es nötig, dass man der These zustimmt, dass ein solcher Film unter Umständen von seinem Kontext gelöst werden kann. Die anderen Figuren um diesen Kern herum, finde ich absolut problematisch und es hätte dem Film gutgetan, sie ernster und realistisch grausam zu gestalten. Würde man rein hypothetisch den Film von seinem Setting im dritten Reich isolieren, was man nicht leichtfertig tun sollte, und nur als Film ohne Kontext betrachten, hätte man eine recht liebevolle, gutherzige Tragikkomödie, die oft zu Tränen rührt. Was aber der Unterschied zu Filmen wie “Ist das Leben nicht schön” ist, ist, dass Jojo Rabbit nicht Figuren zeigt, die vielleicht ein bisschen naiv an das Gute im Menschen glauben und versuchen eine solche Welt aufrechtzuerhalten, sondern dass Waititi eine Filmwelt erschafft, in die sich eine solche Idee nahtlos einfügt und ohne viel Aufwand aufrechterhalten werden kann. Das ist problematisch und das muss man auch nicht kleinreden. Die Geschichte des Holocausts ist international völlig unterschiedlich in den Lehrplänen und in der Allgemeinbildung vertreten. Demnach ist die Wirkung des Films und die Art und Weise wie man Kritik daran übt, oder nicht übt, für den einzelnen Zuschauer je nach Land stark unterschiedlich. Der Hauptgrund, warum ich diesem Film trotzdem nur einen halben Stern abziehe dafür, ist, weil ich mich einfach nicht überwinden kann, mehr abzuziehen. Als Kino-Erlebnis war er erstklassig, ich habe so oft gelacht, dass es die anderen Komödien, die dieses Jahr noch rauskommen, schwer haben werden, das zu überbieten und stellenweise war ich so zu Tränen gerührt, dass mir das Herz fast in den Magen gesackt ist. Auf der Mikro-Ebene großartig, aber die Makroebene wird komplett außer Acht gelassen. Man sollte sich an diesen Film heranwagen, aber auf eine kritische Perspektive nicht verzichten.

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