In diesem Moment

Wo auch immer du in diesem Moment bist
und wer auch immer du in diesem Moment bist,
es ist gut, dass du bist.
Auch, wenn dir vielleicht nicht danach
ist und es sich nicht danach anfühlt,
sei stolz:
Dass du bis jetzt durchgehalten hast.
Auf die Fülle in dem, was du bist,
auch wenn der Mangel in dem was du sein willst,
unüberwindbar scheint.
Es gibt keine Schuld,
die du gegenüber der Welt begleichen musst,
kein Besser,
dass du erbringen musst, um existieren zu dürfen.
Dass du hier bist, reicht.
Du:
Vielleicht kommen wir diesem Wort näher,
wenn ich dir von mir erzähle.
Nicht, dass du dir ein Beispiel daran nimmst,
oder weil ich irgendetwas geleistet habe,
dem du nacheifern solltest,
Sondern als Kontrast-Punkt für ein deutlicheres Selbst,
um all die Dinge zu sehen, die du bist und nicht bist.
Ich selbst bin weit davon entfernt perfekt zu sein.
Und dir zu erzählen, dass es okay ist mit dem zufrieden
zu sein, was du hast, ist nicht 100 prozentig aufrichtig,
denn meine eigenen Zweifel
sind alles andere als aus der Welt geräumt.
Andererseits,
dass man mit anderen fairer umgeht
als mit sich selbst,
ist ja bekanntlich nichts Neues.
Ich, Angststörung, ADHS
und mild hypochondrisch.
Ich habe Freunde,
die es mir wie durch ein Wunder verzeihen,
dass ich immer wieder "Glaubst du das ist was Ernstes?" bei Dingen frage,
die sich später als blauer Fleck oder Mückenstich herausstellen.
Wenn ich wählen könnte, immer ersteres,
denn Hämatome übertragen keine Malaria.
Freunde, die mich lieben,
auch wenn wir das nicht so oft sagen wegen toxischer Männlichkeit
und so weiter...
und obwohl ich manchmal echt mies im Zuhören
bin und komplett in meiner eigenen Welt verschwinde.
Ich vertrage Alkohol überhaupt nicht
und dass mir das und die Geschichte,
wie ich fast gestorben wäre,
weil ich kopfüber in einem Einhornkostüm
über ein Rolltreppen-Geländer gestürzt bin,
weniger peinlich ist, als die Tatsache,
dass ich wegen einer Stoffwechsel-Störung
seit frühster Kindheit Medikamente nehme,
zeigt ein bisschen,
dass in dieser Gesellschaft die falschen Dinge einem Tabu unterliegen.
Ich bin schnell überfordert und manchmal schrecklich unsensibel.
Auch wenn ich wirklich versuche besser zu sein,
rutscht mir immer wieder etwas heraus,
an das ich in ein paar Jahren vor dem Einschlafen denken werde.
Ich habe verletzende Dinge zu Menschen
gesagt, die ich liebe
und war ein Arschloch auf Arten,
mit denen ich nie gerechnet hätte.
Mir fällt es schwer,
mich beim Lesen zu konzentrieren und für jemanden,
der viel über Literatur redet, lese ich zu wenig.
Ich liebe Horrorfilme,
denn die Dinge, vor denen ich Angst habe,
sind ganz alltäglich.
Ich liebe kalte Duschen, lange Spaziergänge,
dumme Wortwitze und Füllfederhalter.
In der Schule hat man mir gesagt,
ich solle in Druckbuchstaben schreiben
oder man könnte meine Schrift nicht lesen.
Mittlerweile habe ich mir die Druckschrift wieder abgewöhnt,
denn außer mir muss niemand meine Handschrift lesen
Und Lehrer die Comic Sans auf ihren Arbeitsblättern verwenden,
hatten niemals das Recht irgendjemandes Schriftbild zu kritisieren.
Damit wären wir wieder bei dir:
Wenn du über dich hinauswachsen
willst, dann ist das vollkommen okay.
Aber sei erst jemand und versuche dann besser zu sein.
Versuche nicht besser zu sein, um jemand zu sein.
Das entmenschlicht dich und ist auch nicht fair
gegenüber der wunderbaren Person, die du bereits bist.
Es gibt ein gutes Leben für dich und du verdienst es jetzt.
Kein blindes Streben ohne ein Erkennen.
Am meisten bist du gewachsen,
wenn dir deine eigene Haut passt.
Du bist du und niemand sonst
ist das auch nur im Ansatz so sehr wie du.

Kerim Mallée

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