Gehen im Herbst

Vielleicht ist es ein Fehler jetzt zu gehen,
Meine Schritte vom Laub an den Alleen des Rings zu entfernen,
Dass es immer leiser unter den Füßen knistert.
Zu gehen,
Ehe es auf dem Weihnachtsmarkt am Campus wieder nach Glühwein riecht
Und sich der mit Zimt und süßem Zucker bestreute Baumkuchen
auf hölzernen Säulen dreht.
Ehe man so nah am Jahresende ist,
dass die Bibliothek im Hof 2 noch offen hat,
Wenn es draußen bereits dunkel ist.
Nicht mehr Gedankenverloren auf Parkbänken sitzen,
Während die Herbstsonne so golden leuchtet,
Wie die Kuppel der Kirche am Steinhof.
Sich nicht mehr darüber ärgern,
wie grantig die Menschen in dieser Stadt sind,
Sondern sie insgeheim vermissen.
Dafür waren sechs Jahre lang genug,
die ansonsten viel zu kurz waren.
Aber Veränderung macht vor niemandem halt,
Nicht vor den Habsburgern,
deren eitler Pomp
von dem die Stadt trieft,
wie von einer Mischung aus Eiter und Blattgold,
in meinem Herzen so einen ambivalenten Platz hat,
Wie diese Stadt selbst.
Auch vor mir macht Veränderung nicht halt,
der hier mehr zufällig als gewollt gestrandet
Und irgendwie doch festgewachsen ist,
Wie Efeu an einer alten Hauswand,
der bricht, wenn man ihn von ihr löst.
Eine schöne Stadt zum Leben, aber nicht zum Altwerden,
habe ich immer gedacht.
Doch nun frage ich mich wieder und wieder,
Ist es nicht doch zu früh zum Gehen?

Kerim Mallée

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