Antikörper, 2005 – ★★

Regie: Christian Alvart

Antikörper versucht zu gewissen Teilen, das Erfolgskonzept von Schweigen der Lämmer zu kopieren. Ein Polizist aus den untersten Rängen, der mit einem Serienmörder in dessen Zelle diskutieren muss, um einen Fall zu lösen. Doch wirkliche Fauxpas des Films, der mir sauer aufstößt, ist, dass er seinen Serientäter “Gabriel Engel” nennt. Im Ernst? Gabriel… Engel…? Das Ganze ist kein Pseudonym des Mörders, sondern irgendetwas, das sich ein Drehbuchschreiber ausgedacht hat und es steht stellvertretend für ein sehr drastisches Problem, das viele deutsche Filme zu der Zeit hatten, die versuchten irgendwas Spannendes und neues zu machen (Im Ernst, ich bin der Meinung, dass es viel zu wenige deutsche Horrorfilme und Psychothriller gibt, aber strengt euch mehr an): Egal wie viele Aspekte es gab, in denen ein Film wirklich gelungen war und man das Gefühl hatte, der kann sich international messen, es gab immer diesen einen Punkt, in dem er beschämend unkreativ war, auch, wenn man es nicht gleich gemerkt hat. Und das ist eben so ein absolut deutsches Ding.

Diese Details fallen einem zunächst nicht bewusst auf. Ich meine “Gabriel Engel”, das geht so leicht von der Zunge, dass man nicht nach dem Omen hinter dem Nomen sucht. Es ist eh nicht wirklich eins da, außer dem ironischen Aspekt, dass Gabriel Engel als jemand dargestellt wird, der Religionen, speziell das Christentum verabscheut und deswegen ist es halt unpassend passend.
Das Problem, das ich mit solcherlei Easter Eggs habe, ist, dass sie viel zu allgemein sind. Und das geht jetzt an alle zukünftigen Filmemacher da draußen: Gute Easter Eggs sind immer sehr spezifisch, es geht bei ihnen um sehr konkretes Detailwissen, so, dass beim Entdecken, der Zuschauer das Gefühl hat, eine gewisse Leistung vollbracht zu haben. Einer Figur so einen Namen zu geben, in einem Film, der allgemein viele biblische Themen und Symbole hat (Gabriel Engel wird der Kruzifix-Mörder genannt, weil er Kruzifixe am Tatort zurücklässt) und aus einem Kulturraum stammt, der über fast zwei Jahrtausende an christliche Symbole und Referenzen in Kunst und Kultur gewöhnt wurde, ist da einfach viel zu plump. Das ist das letzte Salzkorn, durch das das Mahl überwürzt wurde.
Ich meine, wenn man irgendwie in der Handlung darauf eingegangen wäre. Wenn zumindest jemand mal ausgesprochen hätte, wie ironisch es ist, dass der Kruzifix-Mörder Gabriel Engel heißt, ja dann… Oder man hätte ja in einer der Szenen, in der dieser Killer, selbstgefällig über seine Kindheit jammert und dass ihn nie jemand verstanden hat, ihn sagen lassen können: “Für den Nachnamen können meine Eltern nichts, aber dass sie es für eine gute Idee hielten, mich Gabriel zu nennen, das kann ich bis heute nicht verstehen.”, oder sowas ähnliches. Wenn ich mir die Brainstorm-Session hinter dem Drehbuch vorstelle, dann sehe ich vor meinem inneren Auge, wie sich jemand für diesen Genie-Streich selbst auf die Schulter klopft. Genau diese Art von aufgezwungenem Subtext, der nicht wirklich Subtext ist, ist der Grund, warum ich letztes Jahr bei Jim Jarmuschs “The Dead don’t die”, am liebsten den Kinosaal verlassen hätte. Das wäre jetzt ein eigener Post für sich, deswegen mache ich es kurz: In einer Szene holt der von Adam Driver gespielte Kleinstadt-Cop seinen Autoschlüssel hervor und hat daran einen Sternenzerstörer als Anhänger. Jeder Volldepp mit auch nur zwei Gehirnzellen hat dann bereits verstanden, dass das irgendwie daran erinnern soll, dass Adam Driver auch in Star Wars mitspielt, schließlich ist sein Gesicht auf zwei Dritteln des Werbematerials für jeden neuen Star Wars-Film zu sehen. Das reicht natürlich nicht. Deswegen muss man noch extra lange mit der Kamera draufhalten und irgendeinen witzigen Spruch reißen. Wenn dann noch jemand vor mir seinen Sitznachbarn mit dem Ellbogen angestupst und geflüstert hätte: “Verstehst du? Der Schauspieler spielt in Star Wars mit.”, ich hätte in dem Fall mein Vertrauen in die Menschheit total verloren. Das war jetzt ein sehr ausschweifender Exkurs, was ich sagen will: Es gibt nichts Schlimmeres als Regisseure, die aus Angst, dass man auch nur ein Detail nicht mitkriegt und so ihren Genius nicht verstehen, ihre Filme interpretieren, noch ehe der Abspann läuft.
Ähnlich geht es einem mit dem Ende von Antikörper, wenn ein Erzähler im Voice-Over die Geschichte von Abraham und Isaac vorliest, damit man auf jeden Fall die Parallelen zur Handlung erkennt.
Ein Film wie die ersten Schritte eines Babys, das die Bewegungen anderer Menschen die bereits Laufen können imitiert, aber nicht so recht verstanden hat, was es gerade macht. Trotzdem lohnt es sich den Film anzusehen, denn abgesehen von offensichtlichen Schwächen, ist er zu großen Teilen sehr spannend, Norman Reedus tritt in einer Nebenrolle auf und André Hennicke sorgt durch gutes Schauspiel dafür, dass Gabriel Engel nicht komplett zu einer billigen Hannibal Lecter-Kopie wird.

Verfügbar bei Prime Video und Netflix.

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